Das Fahrrad neu erfinden

Nachdem »McKinsey« nicht das Richtige war, haben die Gewerkschaften das »Organizing« entdeckt. Kein Kursschwenk, aber eine Chance, meint der Historiker Peter Birke

Von Jörn Boewe, junge Welt, 29. Sept. 2010

»Es geht voran«, verkündete der Deutsche Gewerkschaftsbund im vergangenen Jahr stolz: »2008 ist es den DGB-Gewerkschaften gelungen, gegenüber dem Vorjahr den Mitgliederrückgang zu halbieren.« Wer solche Erfolgsmeldungen produziert, muß in der Tat verzweifelt sein. Seit Jahrzehnten verlieren die DGB-Gewerkschaften Mitglieder. Vor zehn Jahren organisierten sie noch rund acht Millionen Menschen, von denen heute noch 6,26 Millionen übriggeblieben sind. Eine Trendumkehr gab es in den letzten Jahren lediglich bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und der Gewerkschaft der Polizei. Aber auch hier sind die Verluste aus dem vergangenen Jahrzehnt längst nicht ausgeglichen.

In den meisten Branchen, egal ob Dienstleistung oder Industrie, ist an Zuwächse nicht zu denken: 3,7 Prozent ihrer Mitgliedschaft verlor die Bahngewerkschaft Transnet im vergangenen Jahr, 3,2 Prozent die IG BAU, 1,9 Prozent die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, 1,6 Prozent die IG Metall. Letztere ist, weil ver.di ihre Mitglieder noch schneller verliert, seit ein paar Jahren wieder stärkste Einzelgewerkschaft der Welt. Für das laufende Jahr muß sie, einem Bericht der Frankfurter Rundschau zufolge, mit einem dreiprozentigen Rückgang bei den Beitragseinnahmen rechnen. Das sind 13 Millionen Euro, die fehlen und wehtun. »Wenn alles so weiterläuft wie bisher, wird die IG Metall in sechs bis sieben Jahren wegen des Altersaufbaus in der Mitgliedschaft unter eine Million Vollbeitragszahler haben«, heißt es in einem Vorstandspapier von 2009.

Wer verzweifelt ist, braucht klare Anweisungen zum Handeln oder Beten, und irgendwo dazwischen muß man die Rezeption US-amerikanischer »Organizing«-Stategien durch die Apparate der verschiedenen DGB-Branchenverbände einordnen. Nachdem sie gemerkt haben, daß »McKinsey« für sie nicht das Richtige ist, setzen die Gewerkschaften nun wieder verstärkt auf Klassenkampf. Allerdings – und die Einschränkung ist wichtig – nur im Einzelbetrieb und nur in Bereichen, wo sie schwach vertreten sind.

Was aber, bitteschön, bedeutet das neue Zauberwort? »Ausgangspunkt« seien »Beschäftigte und Konflikte am Arbeitsplatz«, heißt es in dem 2005 in erster Auflage erschienenen ver.di-Klassiker »Organizing – Gewerkschaft als soziale Bewegung« von Agnes Schreieder. Die Methode setze »ein Verständnis von Gewerkschaft voraus, das die Beschäftigten, die potentiellen Mitglieder selbst, als Hauptstützen der Gewerkschaft sieht«.

Daß dies nun als unerhört neu angepriesen wird, zeigt vor allem, wie sehr die Gewerkschaften hierzulande auf den Hund gekommen sind. Hier wird offenbar das Fahrrad neu erfunden. Abhängig Beschäftigte, die, statt sich gegeneinander ausspielen zu lassen, solidarisch zusammenschließen, um ihren Chef unter Dampf zu setzen – das ist schließlich die Grundlage gewerkschaftlicher Tätigkeit. »Organizing« ist nicht eine »Option« unter vielen, sondern das A und O jeder Arbeiterbewegung. Nur ist diese Binsenweisheit in den fetten Jahren des rheinischen Kapitalismus und in der Kuschelecke der halbstaatlichen FDGB-Gewerkschaften verschütt gegangen. Sie war weg, als mit der Mauer auch die letzten Hemmungen des westdeutschen Kapitals fielen und man sie am nötigsten gebraucht hätte. Fast zwei Jahrzehnte neoliberalen Durchmarschs unter verschiedenen parteipolitischen Farben inklusive der Hartzschen »Schocktherapie« waren nötig, damit in den Schaltzentralen der gesamtdeutschen Arbeiterbürokratie der Groschen fällt: »Weniger Co-Management – mehr konfliktorische Auseinandersetzung.« So steht es in einem Strategiepapier des 2. Vorsitzenden der IG Metall, Detlef Wetzel, und anderer führender Funktionäre von 2008. »Weniger Stellvertreterpolitik – mehr direkte Beteiligung und Übernahme von Verantwortung«, und: »Es geht um Emanzipation, nicht um Reklame«. Man reibt sich die Augen, fühlt sich irgendwie veräppelt. Aber unterm Strich kann man nur zustimmen.

Dies tut auch Peter Birke, Soziologe und Historiker und einer der Köpfe der »Gruppe Blauer Montag«, einem politischen Zusammenschluß, den wir hier dem Verständnis unserer Leser zuliebe etwas lax dem marxistisch/syndikalistisch orientierten Teil der Hamburger »autonomen Szene« zuschlagen wollen. In seinem beim Verlag »Assoziation A« erschienenen Buch »Die große Wut und die kleinen Schritte« zeigt er aber auch die Zwiespältigkeit der »Organizing«-Bestrebungen, die zumindest von Teilen des Gewerkschaftsapparats lediglich als neuer »Marketingtrend« verstanden und praktiziert werden. Der Autor spricht in diesem Zusammenhang von der »bequemen Vorstellung (…), daß es beim Organizing vorrangig um eine neue Technik gehe, um einen systematisch komponierten Komplex von Handlungsanweisungen, der hinsichtlich seiner sozialen und politischen Bedeutungen neutral sei«.

Ohne Wenn und Aber begrüßt Birke gewerkschaftliche Versuche, Unzufriedenheit, Unmut und diffusen Widerstand unter den Beschäftigten (»labor unrest«) in (politische) Form zu bringen, zu organisieren: »Eine alltägliche Arbeit an innerbetrieblichen Konflikten und ihrer kollektiven Artikulation kann als der vielleicht größte Verdienst der Organizing-Projekte angesehen werden«, schreibt er. »Im Zentrum stehen hier die Arbeitenden selbst. Das Gewerkschaftsverständnis, das auf dieser Grundlage ins Spiel kommt, unterscheidet sich in diesem Sinne grundlegend von allen traditionellen Ansätzen, einschließlich der meisten marxistischen Varianten.«

Birke ist aber unabhängig genug, den »ambivalenten Charakter der bisherigen Organizing-Politik« zu erkennen: »Diese ist davon geprägt, daß es einerseits um das Ziel geht, die Gewerkschaft als (letztlich bürokratischen) Apparat zu retten, andererseits um den Wunsch nach einer basisdemokratischen und kämpferischen Gewerkschaftspolitik.« Und so stößt man in der gewerkschaftlichen Praxis neben ermutigenden Ansätzen immer wieder auch auf jene Spielart des »Organizings«, die letzlich nichts als eine »Innovation autoritärer Sozialtechniken« ist, »entpolitisierte Psychotechnik« zur »Rationalisierung« von »Hierarchie und Bürokratie«.

Wenngleich man »das aktuelle Interesse einiger Gewerkschaftsführer« also nicht als Entscheidung mißverstehen darf, »sich mangels Tanzpartnern wieder mehr am Ringkampf zu orientieren«, tun sich dennoch neue Perspektiven für eine kämpferische Klassenpolitik auf: »Die Chance besteht aus meiner Sicht nicht darin, daß sich dieser oder jener Gewerkschaftsführer so oder so entscheidet«, betont Birke, »sondern in der Offenheit der Situation.« Die Arbeits- und Lebenswelt sei »nunmehr auch in der Bundesrepublik von einer massenhaften Erfahrung entgarantierter und diskontinuierlicher Arbeitsverhältnisse geprägt«. Die Arbeiterklasse ist nicht mehr das, was sie mal war, unter dem Druck der neoliberalen Angriffe wird der Gesamtarbeiter aufgemischt und gezwungen, sich neu zu sortieren. In dieser Umbruchsituation kann durch Organizing »ein möglicher Beitrag zu dem geleistet werden, was die Operaisten früher als Umschlag von der technischen in die politische Neuzusammensetzung der Klasse bezeichnet haben«. »Dabei ist es allerdings entscheidend, wer das Wort ergreift – und nicht gelegentlich zum Schweigen gebracht wird. Organizing, so verstanden, ist weder Boxen noch Tanzen, keine neue Waffe im Arsenal der Gewerkschaftsstrategen, sondern die mögliche Aneignung des Rings durch eine neue soziale Figur, die auf der Grundlage der bis jetzt noch sehr verstreuten Konflikte ihre sozialen und politischen Rechte einfordern wird.«

Peter Birke: Die große Wut und die kleinen Schritte. Gewerkschaftliches Organizing zwischen Protest und Projekt. Assoziation A, Berlin/Hamburg 2010, 12,80 Euro