»Ich bin doch nicht blöd«

Beschäftigte bei teilprivatisierter Charité-Tochter wehren sich gegen prekäre Arbeitsbedingungen. Aktivitäten der Gewerkschaft tragen Früchte

Von Jörn Boewe, jW 16. Aug. 2008
Freitag, acht Uhr früh, Luisenstraße in Berlin-Mitte. Es ist trübes Wetter, aber vor dem Bettenhochhaus der Charité, Euopas größtem Universitätsklinikum, herrscht reger Betrieb. Frauen in Nylonkitteln sitzen auf den Bänken und Mauern und packen ihre Frühstücksbrote aus. Es sind keine Patientinnen, sondern die Reinigungskräfte der Charité Facility Management GmbH (CFM), jenes halbprivaten Serviceunternehmens, das seit Januar 2006 für nichtmedizinische Dienstleistungen wie den Küchenbetrieb, die Reinigung oder die Instandhaltung zuständig ist. Es fängt an zu nieseln, aber die Frauen bleiben sitzen. Die CFM hat die Pausenräume aus Kostengründen abgeschafft.Das Management sieht darin kein Problem. Schließlich hätten die Angestellten »die Möglichkeit, die Pause in Mensen, der Cafeteria sowie in zur Verfügung stehenden Pausenräumen zu verbringen«, z.B. »im Pausenraum der Pflegemitarbeiter«, kann man in einer kürzlich veröffentlichten Presseinformation der CFM lesen. »Die Schwestern werden sich bedanken«, bekommt man zu hören, wenn man die Gebäudereinigerinnen darauf anspricht. Von einer »Vereinbarung mit den Stationsleitungen«, die die CFM getroffen haben will, wissen die Frauen nichts. Die Mensa? Wer gut zu Fuß ist, kann in fünf Minuten dort sein. Viel bleibt von der Viertelstunde Frühstückspause nicht übrig, wenn man rechtzeitig wieder an der Stechuhr sein will.

 

System der Angst bröckelt

Auch in der Cafeteria arbeiten CFM-Angestellte. Einer der drei privaten Gesellschafter der CFM, die Dussmann-Gruppe, gilt als Spezialist im Catering- wie im Reinigungsgeschäft. Aber auch hier halten sie ihre Pause auf dem Vorplatz oder auf der Verladerampe am Wirtschaftseingang neben den Müllcontainern ab, obwohl laut CFM »die Mensen auch zum Verzehr mitgebrachter Speisen und Getränke zur Verfügung« stehen sollen. Kopfschütteln auch hier, von einer solchen Vereinbarung weiß niemand. Üblicherweise werde hinausgebeten, wer sein Frühstück in der Mensa auspackt, berichtet eine Kollegin. Und: »Wenn du den Mund aufmachst, kannste gehen.« Der größte Teil der CFM-Mitarbeiter hat befristete Arbeitsverträge, oft nur über wenige Monate.

Zwei Aktivisten der IG BAU verteilen Flugblätter. »Schluß mit dem System der Angst« steht darauf. Bislang ist es Usus, die Befristeten bis zum letzten Tag ihres Arbeitsverhältnisses im unklaren zu lassen, ob sie weiterbeschäftigt werden. So wird – neben den ohnehin schon hohen Normvorgaben – periodisch zum Auslaufen der Fristverträge ein zusätzlicher Arbeitsdruck aufgebaut: »Die Leute werden regelrecht ausgequetscht«, erklärte Hannes Rosenbaum, der stellvertretende Regionalleiter der IG BAU in Berlin und Brandenburg dazu gegenüber jW.

IG BAU gewinnt Mitglieder

Doch die Gewerkschaft kann einen ersten Erfolg vorweisen. Um der »Hire and fire«-Praxis einen Riegel vorzuschieben widerspricht der CFM-Betriebsrat seit ein paar Wochen allen Neueinstellungen. Und das Management mußte einlenken: Anfang August wurden fast 60 Reinigungskräfte, die vorher befristet beschäftigt waren, in unbefristete Arbeitsverhältnisse übernommen. »Ein Schritt vorwärts«, meint Lars Dieckmann von der IG BAU. Die CFM-Mitarbeiterinnen – es sind überwiegend Frauen, die hier arbeiten, darunter viele Migrantinnen – sehen das offenbar genauso. Die Gewerkschafter bewegen sich auf dem Campus wie Fische im Wasser. Die Flugblätter – auf deutsch und türkisch – werden Dieckmann fast aus der Hand gerissen.

»Hast du einen Aufnahmeantrag dabei?« fragt eine Putzfrau, noch bevor der Gewerkschafter seinen Spruch anbringen kann, »daß wir Leute brauchen, die sich organisieren und Druck auf die Geschäftsführung machen, um unsere Forderungen durchzukämpfen«. Die CFM zahlt ihren Reinigungskräften den gesetzlichen Branchenmindestlohn von 8,15 Euro je Stunde, und selbst den versucht das Unternehmen durch aberwitzige Vorgaben in der Praxis zu unterlaufen, berichten die Mitarbeiterinnen. Wer so einen Vollzeitjob hat, muß mit jedem Euro rechnen – da ist selbst der Mitgliedsbeitrag für die Gewerkschaft ein relevanter Posten im Budget. Trotzdem treten in den letzten Wochen immer mehr CFM-Angestellte in die IG BAU ein. Es sind einfache Leute, die hier arbeiten, ohne große Bildung und Kampf­erfahrung und, so sollte man meinen, ohne die geringste Chance, den gewieften Betriebswirtschaftlern der CFM die Stirn zu bieten. Denn dort fließt das gesammelte Know-how moderner Unternehmensführung aus drei Großkonzernen der Krankenhausdienstleistungsbranche zusammen: Dussmann, Fresenius, Hellmann Worldwide Logistics. Alle Tricks und Kniffe wie man Gewerkschaften hintergeht und über den Tisch zieht. Auch im Betriebsrat hat die Geschäftsführung ihre Leute, die nach jeder Sitzung bei ihren Vorgesetzten Rapport erstatten müssen. Natürlich sind sie ordnungsgemäß gewählt. Dennoch, und das ist das Erstaunliche, verfangen die Tricks bei einem wachsenden Teil der prekär Beschäftigten nicht mehr so wie früher. Öfter greift das Management in letzter Zeit auf erstaunlich plumpe Methoden zurück, etwa wenn »Vorarbeiter durch die Campi gehen und IG-BAU-Infos herunterreißen«, wie eine Betriebsrätin berichtet. Irgendwie scheint der Gegenseite zu dämmern, daß sich hier etwas anbahnt, was sie in ihren Effizienzprognosen und Excel-Tabellen nicht berücksichtigt hat. »Ich weiß zwar nicht viel«, sagt die Frau, die auf einer Kiste sitzend auf den Knien den Aufnahmeantrag in die Gewerkschaft ausfüllt. »Aber ich bin doch nicht blöd.«