Ökostrom kann sich XY nicht leisten, denn er arbeitet in der Erneuerbare-Energien-Branche

XY ist genau wie zwei Drittel der Bundesbürger ein Befürworter der Energiewende. Für seinen Haushalt würde gern Ökostrom beziehen. Aber das kann er sich nicht leisten, denn X arbeitet in der Erneuerbare-Energien-Branche. XY ist »Operator« in der ostbrandenburgischen Solarindustrie, im »Sun Valley« zwischen Prenzlau und Frankfurt (Oder).

Die Energiewende als Jobmotor, hieß es: Saubere Energien schaffen saubere Jobs. Nach der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/09 wurde – besonders von den Grünen, aber auch von SPD und Teilen der CDU und Linken ein neuer Gesellschaftsvertrag als Zukunftsperspektive angepriesen: »Unser Green New Deal basiert auf drei Säulen: (…) Investitionen in Klimaschutz, Bildung und soziale Gerechtigkeit«, versprach Grünen-Fraktionschefin Renate Künast.

Soziale Gerechtigkeit? Produktionsarbeiter in der ostdeutschen Solarindustrie erhalten bei einer 40-Stunden-Woche  Bruttomonatslöhne von 1500 – 2000 Euro, mit Nacht und Wochenendarbeit und Schichten, die regulär zwölf Stunden dauern. So etwas ist nach dem Arbeitszeitgesetz zwar nur in begründeten Ausnahmefällen zulässig – in der Solarindustrie wurde aber die Ausnahme zur Regel gemacht. Großzügig stellten und stellen die Arbeitsschutzbehörden Sondergehmigungen aus – egal welche Parteien an der Regierung waren oder sind. Extrem hoch ist auch der Anteil von Leiharbeitern, in einigen Betrieben weit über 50 Prozent.

Was ist das für ein Deal, bei dem die eine Seite leerausgeht? Die Standardantwort von Unternehmern und vieler Verfechter der Erneuerbaren Energien lautet heute (2012/2013): Wir stehen mit dem Rücken zur Wand – die Billigkonkurrenz aus China hat die deutsche Solarindustrie kaputtgemacht. Die Preise für Photovoltaikmodule auf dem Weltmarkt haben sich  innerhalb der letzten beiden Jahre halbiert. Zugleich sank der Anteil deutscher Hersteller am heimischen Markt dramatisch: Lag er 2008 noch bei 60 Prozent, waren es Anfang 2011 gerade noch 15 Prozent. Im gleichen Zeitraum erhöhte sich der Anteil chinesischer Produkte von 21 auf 60 Prozent.

Andererseits: Deutschlands Sonnenkönig Franz Asbeck, Chef der Solarworld AG und Inhaber eines Aktienpaketes von 27 Prozent, genehmigte sich im Mai des Krisenjahres 2012 noch eine Rendite von 2,5 Millionen Euro, obwohl das Unternehmen schon keine schwarzen Zahlen mehr schrieb. Und vor 2010/2011, als die deutschen Hersteller allesamt noch gute Gewinne machten, waren die Renditen noch zweistellig, die Löhne und Arbeitsbedingungen jedoch genauso schlecht. Im Windkraftanlagenbau, einer Branche, die nicht dem starken Konkurrenzdruck wie die Solarmodulprodktion ausgesetzt ist, sieht es für die Beschäftigten nicht viel besser aus. Tatsächlich nutzten sowohl Windkraft- als auch Solarindustrie alle Möglichkeiten, die ihnen der durch die Hartz-Gesetze deregulierte Arbeitsmarkt bot: Befristungen, Leiharbeit, der Zwang, qualifizierte Arbeit auch zu Niedriglöhnen verreichten zu müssen, weil sonst der Absturz in die Grundsicherung droht.