Abschied von den Stellvertretern

„Doch erst die Reportagen aus zehn sehr unterschiedlichen Betrieben in Baden-Württemberg vermitteln tatsächlich, worum es bei dem Erschließungsprojekt eigentlich geht. Ob Daimler-Werk Stuttgart-Untertürkheim, Holzverarbeiter Dold aus Südbaden, Automobilzulieferer Magna in Neckarsulm – durch sie bekommt man eine Vorstellung von den alltäglichen Kämpfen am Arbeitsplatz und wie Menschen sich zu trauen beginnen, ihre Stimme zu erheben – das macht diese Zwischenbilanz der Gewerkschaft ungewöhnlich berührend.“

Die Kollegin Ines Wallroth bestpricht im Neuen Deutschland das von der IG Metall-Baden-Württemberg herausgegebene Buch »aufrecht gehen – wie Beschäftige durch Organizing zu ihrem Recht kommen“, an dem auch wir beteiligt waren. Vielen Dank dafür..

„Belegschaftsumfragen, Unterschriftensammlungen, Gespräche vor den Werkstoren – mancher Bericht von betrieblichen Aktionen wirkt zunächst wenig aufregend. Aktivenkreise, die ein Flugblatt selbst verfassen? Betriebsräte, die sich an den Bedürfnissen der Beschäftigten orientieren? Was denn sonst?

Selbstverständlich ist das aber nicht. Tatsächlich verbirgt sich hinter solchen Berichten eine kleine Revolution in der Betriebsarbeit von Gewerkschaften, die zunehmend mit Routinen brechen. Sie warten nicht mehr ab, bis die Beschäftigten von sich aus zu ihnen kommen, sondern gehen selbst hin und fragen, wo der Schuh drückt. Vor allem bedeutet die neue Herangehensweise eine Abkehr von der Stellvertreterpolitik, bei der der Betriebsrat die Probleme der Beschäftigten regelt, ohne dass die etwas davon mitkriegen, aber auch, ohne sie nach ihrer Meinung zu fragen. Dies erfordert indes nicht nur auf gewerkschaftlicher Seite ein Umdenken, sondern auch aufseiten der Beschäftigten, die ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen müssen, statt die Verantwortung auf andere zu schreiben.“ Neues Deutschland, 19.07.2018

Billig ist zu teuer

Der Arbeitskampf bei Ryanair zeigt, wer die Zeche für das Geschäft mit den günstigen Flügen zahlt. Von Jörn Boewe, der Freitag 33/2018

Lange war dieser Streik überfällig, und er traf mitten ins Schwarze: Piloten von Europas wichtigster Billigfluggesellschaft Ryanair ließen am 10. August in Deutschland, Belgien, Irland und Schweden die Maschinen am Boden stehen. 400 Flüge von europaweit rund 2.400 wurden gestrichen, 55.000 Passagiere konnten nicht wie geplant befördert werden. Die Ryanair-Aktie brach um 4,2 Prozentpunkte ein. Seit Ende Juli das Flugbegleitpersonal des Billigfliegers in Belgien, Italien, Portugal und Spanien die Arbeit niederlegte, hat das Papier rund ein Fünftel seines Börsenwerts verloren. Ryanair-Chef Michael O’Leary, sonst berühmt für seine großmäuligen Sprüche, war ganz still.
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»Mit der Keule des Rassismusvorwurfs erschlägt man jeden Diskurs«

Warum er die antirassistische Intention des Aufrufs »Solidarität statt Heimat« teilt, aber ihn trotzdem nicht unterzeichnet hat, erklärt Hans-Jürgen Urban vom geschäftsführenden Vorstand der IG Metall in einem Interview, das Johannes Schulten für den Freitag geführt hat.

»Ich bin sicher, dass die übergroße Mehrheit der Unterzeichnerinnen und Unterzeichner einfach ein Zeichen gegen diese eklatante und widerwärtige Rechtsverschiebung in der Gesellschaft setzen wollte und dass das Bedürfnis dominierte, der Arroganz der Mächtigen und ihrem Rechtspopulismus eine laute Stimme der Humanität und Solidarität entgegenzurufen«, sagt Urban. Zugleich enthalte der Appell »neben den offenkundigen anti-rassistischen Botschaften, denen ich mich anschließe, auch eine versteckte Agenda«, so der Gewerkschafter. »Diese will nicht nach außen einigen, sondern nach innen polarisieren und spalten. Und diese Agenda will ich nicht unterstützen, ich halte sie für fatal.«

aufrecht gehen (1): Aufstand in der Komfortzone

Nach dem Dampfablassen hätten jetzt Verhandlungen zwischen Betriebsrat und Geschäftsführung folgen können, mehr oder weniger hinter verschlossenen Türen. InteressenvertreterInnen hätten mit Managern nach einem irgendwie vertretbaren Kompromiss gesucht, hätten externe Sachverständige hinzugezogen und nach zähen Sitzungen ein Ergebnis vorgelegt, für das sie, wie auch immer es ausgesehen hätte, mehr Prügel als Beifall bekommen hätten. Eigentlich hätte es so laufen müssen.

»Es gibt beim Bosch so ein Bild von Betriebsräten und Gewerkschaftern«, sagt Tobias. »Die treffen sich ständig zu irgendwelchen Sitzungen, trinken Kaffee und handeln irgendetwas mit dem Management aus. Zur Tarifrunde stehen sie mit der roten Fahne vorm Tor. Und meistens machen sie ihren Job auch ganz gut. Etwas anderes als Stellvertreterpolitik wird deshalb gar nicht erwartet.« In normalen Zeiten war das bequem und funktionierte, aber die Zeiten waren nicht mehr normal. »Diesmal mussten wir es anders angehen.«

Die Szene aus unserem Buch »aufrecht gehen« beschreibt die Situation im Juni 2015: Die Robert Bosch GmbH hatte beschlossen, einen ihrer traditionellen Kernbereiche, die Starter- und Generatorensparte zu verkaufen.1300 Beschäftigte in Stuttgart und Hildesheim wissen nicht, wie es weitergehen würde. Ihre Arbeitsbedingungen und Sozialstandards sind auch für deutsche Verhältnisse hervorragend – aber würde das so bleiben, wenn die chinesischen Investoren einsteigen? Klar ist: Der Verkauf ist nicht mehr zu verhindern. Also muss es darum gehen, die Standards für die Beschäftigten zu sichern – von der Kantine bis zur Betriebsrente.

Wie eine Handvoll Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen in dieser Situation mit Organizing-Methoden die Belegschaft mobilisieren, wie sich Leute, die über Jahrzehnte nichts anderes als Stellvertreterpolitik gewohnt waren, plötzlich in ihre eigenen Belange einmischen – davon berichten wir in der Reportage »Aufstand in der Komfortzone« im Buch »aufrecht gehen. Wie Beschäftigte durch Organizing zu ihrem Recht kommen«.

Betriebsrat und »A-Team« informierten in wöchentlichen Versammlungen über den laufenden Verhandlungsprozess. »Wir haben zusätzlich zur Betriebsratssprechstunde Inforunden organisiert, teilweise im Hof, teils in verschiedenen Abteilungen«, erinnert sich Anna. »An manchen Tagen hatten wir fünf, sechs, sieben Meetings an einem Tag.« Tatsächlich waren die Versammlungen nicht nur reine Informationsveranstaltungen: »Leute haben gesagt: Gib mir eine Aufgabe, sag mir, was ich machen soll.« Einige Aktive bildeten eine »Hintergrundkommission«, die die Betriebsräte bei den Verhandlungen begleitete und unterstützte. Die Entscheidung für 1.300 Kolleginnen und Kollegen in Deutschland und 7.000 weltweit sollten nicht zwei, drei Betriebsräte allein treffen.

Das Angebot einer zunächst kleinen Gruppe an die Vielen, sich an einem Konflikt zu beteiligen, der zwar hart, aber im Prinzip gewinnbar war, verhindert, dass die Leute in Apathie verfallen:

Nach dem Schock vom Juni, nach der spontanen Empörung und dem großen Dampfablassen war etwas geblieben: die Bereitschaft, sich gemeinsam mit anderen zu bewegen, um zu retten, was zu retten war. Und diese Bereitschaft ging weit über den Bereich der IG Metall-Mitglieder hinaus: Auch zahlreiche Ingenieure und andere technische Angestellte gingen auf einmal zu Versammlungen und beteiligten sich an Aktionen. Viele von ihnen hatten sich jahrelang lustig gemacht über die Deppen, die ein Prozent ihres Einkommens an die Gewerkschaft abführen, für etwas, was doch ohnehin alle bekamen – die tariflichen Leistungen, die betrieblichen Sozialstandards.

Wie sie am Ende erfolgreich sind und was, über das materielle Ergebnis hinaus, vielleicht bestehen bleibt und als neue betriebspolitische Kultur fortwirkt, könnt ihr nachlesen ab Seite 76 ff. in:

IG Metall Bezirk Baden-Württemberg (Hrsg.)
aufrecht gehen
Wie Beschäftigte durch Organizing zu ihrem Recht kommen
VSA-Verlag Hamburg, 2018
160 Seiten | Hardcover | EUR 16.80
ISBN 978-3-89965-781-4

 

 

Read and organize!

Anregende Diskussionen, großes Interesse, viele alte Bekannte und neue Gesichter am Donnerstagabend in Rastatt bei der Vorstellung des Buches „aufrecht gehen – wie Beschäftige durch Organizing zu ihrem Recht kommen“, herausgegeben von der IG Metall Baden-Württemberg.  In zehn Betriebsreportagen haben wir Geschichten aufgeschrieben, die zeigen: Menschen, die zusammenhalten, sich organisieren und bewegen, können gemeinsam Dinge verändern. Infos zum Buch und eine Leseprobe gibt’s auf der Seite des VSA-Verlags.

Johannes Schulten (li.) im Gespräch mit Roman Zitzelsberger, Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg

Write, read and organize: Jörn Boewe liest Passagen aus "aufrecht gehen"

Write, read and organize: Jörn Boewe liest Passagen aus „aufrecht gehen“

Der Saal „Staffelschnatzer“ in der Badner Halle in Rastatt war voll

„Ökonomie jenseits der schwäbischen Hausfrau“

Wir möchten auf eine interessante Veranstaltung hinweisen:

„Ökonomie jenseits der schwäbischen Hausfrau“: Prof. Heiner Flassbeck zur Situation der Eurokrise

Donnerstag, 14. Juni 2018, 19:00 bis 21:00 Uhr in Berlin, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Seminarraum 1, Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin

Heiner Flassbeck (Foto: Wikipedia)

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Gegen die Matrix

Die beiden abgeschlossenen Tarifrunden des Jahres – Metall und öffentlicher Dienst – „markieren eine noch zaghafte (…) gewerkschaftliche Neuorientierung hin zu einer offensiveren Tarifpolitik“, schreibt Jörn Boewe im Freitag 21/2018. Eine „Ini­tialzündung für eine verteilungspolitische Wende“ markierten sie indessen noch nicht. „Zu tief“ hätten sich „die strukturellen Veränderungen der Arbeitsbeziehungen nach einem Vierteljahrhundert neoliberaler Politik in die gesellschaftliche Matrix eingebrannt“. Wenngleich also „die entscheidenden Schlachten einerseits hinter, anderseits vor uns – aber jedenfalls
nicht in der Gegenwart“ lägen, gebe es dennoch „Elemente, die zeigen, wie sich das Kräfteverhältnis ändern lassen könnte“: lehrreiche und ermutigende Beispiele sieht der Autor im andauernden Konflikt bei Amazon, in der erfolgreichen Integration von Organizing-Ansätzen in die Strategie der IG Metall und in der bundesweiten Bewegung der Krankenhausangestellten für eine bessere Personalbemessung: „Relevante Teile der
neuen Arbeiterinnenklasse organisieren sich, treten in Auseinandersetzungen – und
manchmal gewinnen sie sogar.“

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Und jetzt alle

»Und jetzt alle« steht über dem Text von Jörn Boewe zur aktuellen Tarifrunde im Öffentlichen Dienst in der Wochenzeitung Der Freitag (13/2018). Denn leider gelten die Forderungen der Gewerkschaften nicht für alle Beschäftigten der Öffentlichen Hand:

»Das ist der ›blinde Fleck‹ dieser Tarifrunde: So offensiv und legitim die Forderungen der Gewerkschaften sind – einige der drängendsten strukturellen Probleme der Beschäftigten im öffentlichen Dienst werden nicht mal angesprochen: die outgesourcten, tariflosen oder mit Billigtarifverträgen abgespeisten Tochtergesellschaften kommunaler Unternehmen, die unterschiedlichen Standards für Beschäftigte, die die gleiche Arbeit machen, der jahrzehntelange Vormarsch atypischer Arbeitsverhältnisse beim einstigen Musterarbeitgeber. Mehr als ein Drittel aller Staatsbeschäftigten sind mittlerweile atypisch beschäftigt – meist befristet oder in unfreiwilliger Teilzeit. Hat Verdi wirklich Mut, muss sich die Gewerkschaft da ranwagen.«

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Blinder Fleck in der Lieferkette

Die Arbeitsbedingungen im Transportsektor sind prekär – auch bei Fairtrade-Gütern

Von Jörn Boewe, neues deutschland, 24. März 2018

Der faire Handel boomt in Deutschland: 1,2 Milliarden Euro wurden 2016 in der Bundesrepublik für Produkte mit dem Fairtrade-Siegel ausgegeben – so viel wie nie zuvor. Hauptsächlich für Kaffee, Kakao, Bananen und Textilien. Die Öffentlichkeit ist sensibler geworden für die Arbeitsbedingungen von Kleinbäuer*innen und Beschäftigten bei den Lieferanten transnationaler Unternehmen. Erschütternde Bilder wie die vom Einsturz des Rana-Plaza-Hochhauses 2013 in Bangladesch oder den Selbstmorden chinesischer Arbeiter*innen in den Fabriken des Apple-Zulieferers Foxconn haben dazu beigetragen, dass die Zustände in den Produktionsstandorten der Textil- oder Elektronikindustrie im Globalen Süden von den Konsument*innen im Globalen Norden stärker hinterfragt werden.

Die Arbeitsbedingungen im Transportwesen sind in dieser Debatte jedoch immer noch ein blinder Fleck. Kaum jemand fragt, unter welchen Bedingungen jene arbeiten, die dafür sorgen, dass die Ware bei uns in den Einzelhandel gelangt. Dabei gibt es weltweit Millionen Beschäftigte in der Containerschifffahrt, in Umschlaghäfen, im Eisenbahn- und Lkw-Fernverkehr, in Logistikzentren und Lieferdiensten – überwiegend unter prekären Bedingungen. Weiterlesen